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PRESSESTIMMEN

BUND vom 19.12.2011
Berner Kammerorchester
«Igagaluege» aus der Sicht des Ägypters
Gut gewählt ist das schmissige Tschingderassabumm und vom Berner Kammerorchester (Leitung Johannes Schlaefli) perfekt gespielt: Da purzelt dem Publikum die Festlaune in den Schoss. Mozarts Janitscharenmusik («Die Entführung aus dem Serail») – eröffnet das Festkonzert im proppenvollen Kultur-Casino. Neben dem Orchester kommen vier Vokalsolisten (Noe Fröscher Ito, Anja Wanner, Marcel Fässler, Christian Kofmel) und der Chor der Ehemaligen des Gymnasiums Neufeld zum Einsatz. Kein Aufwand wurde gescheut für diese Nacht, die sich ägyptisch-orientalisch gibt, ohne den Anspruch zu erheben, es auch zu sein: Die Chöre aus «König in Ägypten» stammen von Mozart, das Fest in Bagdad (aus «Scheherazade») hat der Russe Rimsky-Korsakoff vertont. Und Jasmin, die orientalische Tänzerin, welche am Anfang und am Schluss mit Hüftakzenten, Armgirlanden und Schleier die musikalischen Akzente punktgenau ins Optische synchronisiert, heisst Hürzeler und stammt aus Münchenbuchsee.
Nur einer ist waschecht in dieser ägyptischen Nacht. Der 35-jährige Oud-Virtuose, Komponist und Arrangeur Nehad El Sayed. Spannend zu hören, wie anders er seine Musik denkt und baut. In «Derwish’s Garden» lässt El Sayed einen Ton anschwellen, bis er wie eine Samenkapsel explodiert. Daraus fliegen Klangzellen in unterschiedlichen Instrumentalfarben. Als Hörer ist man mitten drin. Schwebend in freien Rhythmen ohne Referenzsystem. In «Rotating Hexeract» für Oud und Orchester reflektiert El Sayed sein obertöniges Saitenspiel in den Pizzicati von Harfe und Streichern. Die Balance stimmt, doch die Klangwelten bleiben sich fremd. Die intendierte Verschmelzung bleibt ein respektvoller Versuch der Annäherung. In «Kreuzworträtsel» für Chor und Orchester spielt El Sayed mit der Exotik des Berndeutschen und komponiert in Klangflächen Muster aus Satzteilen und Silben wie «Äuä» oder «Igagaluege». Ein anregender Abend mit einem hervorragend disponierten Orchester. Doch man vermisst die Einführung. Wie gerne hätte man von El Sayed mehr gehört von seinen Erfahrungen mit der zeitgenössischen westlichen Musik und von Ägypten, an das in diesen Tagen viele denken.
Marianne Mühlemann

BZ vom 15.09.2011
Wenn das Violoncello zur Glocke wird
Dieser Abend hallt nach: Daniel Glaus, Conradin Brotbek und das Berner Kammerorchester begeistern am Musikfestival Bern mit einem Konzertprogramm voller Spiegelungen und Spielereien – und einer Hommage an die grosse Glocke des Münsters.
Kommt da noch was? Ein Ton? Oder ein später Nachklang? Gebannt sitzt das Publikum auf den beinahe voll besetzten Münsterbänken und lauscht. Conradin Brotbek sitzt in der Mitte der Kirche, alleine mit seinem Cello, das in den vergangenen Minuten zur Glocke geworden ist.
«Passacailles fugitives für Violoncello und die Grosse Glocke des Berner Münsters», nennt der Komponist und Organist Daniel Glaus sein neues Werk – eine klingende Hommage an Susanna, die grösste Münsterglocke, gegossen vor genau 400 Jahren. Noch bleibt sie stumm, zu Beginn der Uraufführung: Erst behutsam, dann zunehmend energisch baut Brotbek mit seinem Cello einen Klangraum auf. Zupfend (Pizzicato) ahmt er die Glocke nach, variiert, verfremdet, schafft flüchtige Klangbilder, geprägt von Unruhe.
Erst im Verlauf des Werks, fast unbemerkt, kommt der reale Glockenton aus der Höhe hinzu, legt sich unter den Klang des Cellos, das nun mit gleissendes Obertönen (Flageoletts) antwortet. Wenn sich die Farben von Cello und Glocke ununterscheidbar mischen, hat das etwas Magisches. Samtig, dezent, fast beruhigend wirkt die unsichtbare Susanna mit ihrem tiefen Schlagton im Innern der Kirche. Genau hundertmal schlägt die Glocke, bevor sie langsam auspendelt – und mit ihr das Cello von Conradin Brotbek, der zuletzt eine gespannte Ruhe ausstrahlt. Ein fast meditatives Werk, das ohne ausgreifende Gesten den Eindruck von Grösse vermittelt und manche Assoziationen zulässt. An einen einsamen Wanderer etwa könnte man denken – und an eine Sonntagsglocke, die zur Todesglocke wird.
«Passacailles fugitives» («flüchtige Gassenspaziergänge») – das passt nicht nur zu dieser Komposition. Es passt auch zum Programm, das Daniel Glaus zum Saisonauftakt für das Berner Kammerorchester zusammengestellt hat. Alles dreht sich hier um die alte musikalische Form der Passacaglia, bei der sich über einer wiederkehrenden Bassfigur eine Reihe von (oft improvisierten) Variationen entfaltet.
Eines der berühmtesten Beispiele ist ganz zu Beginn zu hören – als Referenzwerk, auf das sich an diesem Abend fast alles bezieht: Johann Sebastian Bachs (1685– 1750) c-Moll-Passacaglia für Orgel. Münsterorganist Daniel Glaus spielt sie fern von pseudoromantischer Gravität – überraschend schnell, dabei filigran und transparent, vor allem im Fugenteil mit seinen mehrstimmigen Verästelungen. Über dem bohrendem Bass lässt der Organist den Klang der Variationen sich wellenartig ausbreiten, schafft aber auch Inseln der Intimität.
Wie anders klingt das Werk in der Orchesterfassung von Daniel Glaus, die erstmals zu hören ist: expressiver, wärmer, aber auch gewichtiger. Das Berner Kammerorchester – erweitert durch Blechbläser, Pauke und Harfe – verleiht dem Werk verblüffende Farben, aber auch eine strenge, beinahe steife Würde. Und in den vertrackten Passagen der Fuge wirkt das Orchester etwas behäbig.
Flüchtige Erinnerungen
Fast spätromantisch expressiv wirkt die Streichorchesterfassung der Orgel-Passacaglia von Frank Martin (1890–1971), die 1944 im Münster uraufgeführt wurde und als Original im Vorkonzert zu hören ist. Bachs berühmte c-Moll-Passacaglia erscheint hier verfremdet, angereichert mit herben Halbtönen und Dissonanzen – gesehen im Zerrspiegel des 20.Jahrhunderts sozusagen. Am Ende des Konzerts ist Bachs Passacaglia-Klassiker bloss noch eine ferne, flüchtige Erinnerung, zersplittert im wahrsten Sinn des Wortes: Für die Uraufführung seiner «Réminiscences évoquées par la Passacaille de Bach pour violoncelle et orchestre» hat Daniel Glaus die Orchestermusiker in der ganzen Kirche verteilt. Glaus, der als Dirigent in der Münstermitte thront, erzielt dadurch zwar unerhörte Klangwirkungen, doch der Effekt verblasst auf Dauer – das Werk franst etwas aus, und mit ihm der Abend. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihn mit der berührenden Glockenhommage auspendeln zu lassen.
Oliver Meier

Bund vom 15.09.2011
Musikfestival Bern: Daniel Glaus und das Berner Kammerorchester
Es rieselt unter der Münsterglocke
Eigentlich mochte man gar nicht ans Thema Flucht denken. Vielmehr hätte man die flüchtigen Klänge festhalten und bis in die Unendlichkeit ausdehnen wollen. Als der Cellist Conradin Brotbek in der Passacaglia von Ignaz Biber die leisesten Töne in die Stille des Münsters zupfte, wagte man kaum zu atmen. Seine Tonbeherrschung: phänomenal - als ob gar kein körperlicher Kontakt zwischen Bogen und Cello vorhanden wäre. Über diese betörenden Klänge spannte Brotbek eine poetische Arkade, die Spannungsbögen und Differenziertheit gleichermassen vereinte und die Variationen über das stets gleichbleibende Bassschema mit unaufhörlicher Vitalität versorgte.
Das Cello als Glocke
Dieselben Qualitäten, dieses permanente Auskosten des musikalischen Ereignisses, dieses Füllen der Pausen mit Leben, begegneten einem auch in den «Passacailles fugitives» für Cello und die Grosse Glocke des Münsters. Ihr 400. Geburtstag hatte Anlass zu dieser Kompositionsidee gegeben («Bund» vom 10. September). Münsterorganist Daniel Glaus, der sich an diesem Abend als gewandter Komponist, Orchestrator und musikalischer Leiter bewies, führte nicht nur das reiche Klangspektrum der ungleichen Partner zusammen, sondern integrierte beide zudem auf faszinierende Weise ins Modell der Passacaglia. Nach einem solistischen, sich ins Furiose steigernden Beginn des Cellos, der gleichsam Glockenschläge als Bassmotiv präsentierte, übernahm die Glocke das pendelnde Bassfundament, an das sich nun die rieselnden Cellotöne schmiegten. Im raffinierten Zusammenwirken von Glocke und Cello erwies sich Glaus als Musiker mit feinsinnigem Gehör.
Überaus feinsinnig war aber auch gerade die Programmgestaltung. Zur Flüchtigkeit und Erinnerungshaftigkeit - dazu gehörte, dass sämtliche Werke von ihrer Originalinstrumentierung Abschied nahmen - setzte sie die Beständigkeit: die vierhundert Jahre alte Glocke, die unverwüstlichen Altmeister Bach und Biber und eben das beharrliche Schreiten der Bässe. Auf samtenen Pfoten stieg das Berner Kammerorchester gerade zu Beginn in die Passacaglia und Fuge BWV 582 von Bach und formten ein äusserst weiches und apartes Klangbild, das getragen wurde von einem angenehm pulsierenden Bass.
Einige heikle Momente im Zusammenspiel abgerechnet, bot das Orchester in der dramaturgisch geschickten Instrumentation eine sehr erfrischende und fein ausbalancierte Ausführung. Das farbenreiche Changieren, das nahtlose Ineinandergleiten der Instrumentengruppen und die lebendige Herangehensweise machten nicht nur Bach zu einem wohligen Genuss, sondern auch Frank Martin. Hier konnten die Streicher ausserdem ihre intensive Strahlkraft entfalten.
Bis zum letzten Hauch
Krönender Fluchtpunkt war schliesslich die Uraufführung von Glaus’ Reminiszenzen an die bachsche Passacaglia. Wenngleich Effekte wie das geräuschvolle Hineinblasen in die Instrumente ohne Tongebung inzwischen etwas altmodisch wirken, so wusste Glaus derlei Mittel in ein räumliches und zeitliches Klangkontinuum zu integrieren, das bisweilen eine fast unheimliche Sogwirkung entfaltete. Mit erstaunlicher Präzision und elastischer Tongestaltung lösten sich die im ganzen Münster verteilten Musizierenden auf in ein fluides Ganzes, das keine räumlichen Grenzen mehr kannte und die Zuhörer in eine faszinierende Klangglocke hüllte, bis der letzte Schall verhaucht war.
Michael Matter

Bund, 12. Mai 2011
Wie gefährlich klingt Schneid?
Vergnüglicher Saisonschluss: Das Berner Kammerorchester und seine Gäste, das Tecchler-Trio, begeistern im Kultur-Casino. Über den Köpfen des Publikums hängt sie unsichtbar, die Frage: Wie gefährlich klingt Schneid? Die wenigsten im Parkett des Kultur-Casinos können sie beantworten.
Bei Dvorak und Beethoven stellt sie sich nicht. Dvoraks Opus 39 hat man im Ohr. Dieses reizende Suitchen, das im traditionellen Sinn eigentlich gar kein richtiges ist, weil da neben dem pastoralen Präludium auch eine Romanze und ein temperamentvoller Furiant vorkommen – ihm hat Dvorak den Titel «Böhmischer Brahms» zu verdanken. Es bietet einen heiteren Einstieg und lässt diesen Schneid, der zudem Tobias P. M. heisst und 1963 in Bayern geboren wurde, etwas vergessen.
Trio als Trumpf
Behutsam mit feierlichen Unterton stimmt das Berner Kammerorchester die Bordun-Quinten an. So fein, dass sie sich in den Gehörgängen samtig anfühlen. Dann steigert sich das schwärmerische Spiel. Bläser und Streicher sorgen gemeinsam dafür, dass sich im Volkston die spritzige Leichtigkeit und bittersüsse Melancholie die Waage halten. Dirigent Johannes Schlaefli gelingt es, die Horizontlinie in Dvoraks farbiger Klanglandschaft zu verschieben und sie in die Nähe zu holen. So nah, dass man in den Akzenten der Polka das Stampfen der Tanzstiefel hört.
In Beethovens Tripelkonzert op. 56 spinnt das Orchester Dialoge in den Raum. Nicht nur innerhalb der eigenen Reihen und quer durch die Register, sondern auch zu den Solisten. Die drei illustren Gäste stehen im Rücken des Dirigenten.
Doch der Kontakt funktioniert. Esther Hoppe (Geige), Maximilian Hornung (Cello) und Benjamin Engeli (Klavier) – das Tecchler-Trio – bilden ein verschworenes Ensemble, dem das Berner Kammerorchester blind vertrauen kann. Ein kammermusikalischer Trumpf sind diese Gäste, die mit ihrem vollblütigen Beethoven-Spiel den Saisonschluss zum Festkonzert machen – auch ohne Zugabe. Zu hören, wie das virtuos vorwärtsdrängende Singen des Cellos mit dem beweglichen strahlenden Spiel der Geigerin verschmilzt und im glasklaren federnden Spiel des Pianisten aufblüht, das ist vergnüglich für Kopf und Herz.
Ohne Oben und Unten
Und das Klaviertrio von Tobias P. M. Schneid? Das Tecchler-Trio setzt sich eng zusammen und öffnet den Fundus an Spieltechniken und gestalterischen Mitteln:
Scharfe Geigenflageoletts, Stimmen, die sich verdichten und im Hall des Klaviers verschwimmen, Gezupftes, Virtuoses, physisch Intensives. Dazwischen das zarte Pochen des Pianos. Klänge wie Duftmarken, zart verhaucht. Eine faserige Musik ohne Oben und Unten. Ein Kontext, in dem man ob eines gewöhnlichen Dreiklangs aufschreckt. Toll.
Marianne Mühlemann
BUND, 11. März 2011
Heiteres Miniaturenkabinett mit Stinke-Bär
Einen Abend lang pinselt das Berner Kammerorchester (BKO) Märchenklänge. Das Orchester ist zum kleinen Sinfonieorchester aufgestockt worden: Neben Streichern und Bläsern kommen auch Harfe, Celesta und Pauken, zudem drei Perkussionisten, zwei Trompeter und vier Hornisten zum Einsatz. Über vierzig Musikerinnen und Musiker. Es ist der Fundus für ein Raritätenprogramm. Ein Konzert für Erwachsene, das in die Kinderstube führt. Kaspar Zehnder ist ein geschickter Spiritus Rector, der den Stücken ein Eigenleben gibt. Eine glückliche Liaison für einen Abend, dieser Gastdirigent und das BKO.
Ob daraus eine längere Beziehung wachsen könnte? Das BKO ist auf der Suche nach einem Nachfolger für Johannes Schläfli, der das BKO bis 2012 leitet. Dass Zehnder mehr im Ausland dirigiert als in Bern, hat den positiven Nebeneffekt, dass viele auch wegen ihm gekommen sind, das Theater National ist voll besetzt. Den Auftakt zur Märchenstunde gibt Bizets Suite op. 22 – eine zauberhafte Puppenstubenmusik, die auf zwölf Stücken für Klavier zu vier Händen basiert. Zügig und präzise lässt der Dirigent die Zinnsoldaten zu Trommeln und Fanfaren marschieren. In der Berceuse werden seine Gesten rund, der Klang klar und poliert. Auf federleichten Sechsachteln wird eine Puppe in den Schlaf gewiegt, und zwischen Celli und Violinen entspinnt sich ein samtiges Liebesduett. In Ravels flirrender Ballettmusik «Ma Mère l’Oye» zeigen sich Musiker in allen Instrumentengruppen als Solisten (Konzertmeisterin Sibylla Leuenberger).
Und dann der Höhepunkt – ein Klangzauber mit eingebautem Stinke-Bär: Während das Orchester alle Register seiner Kunst auskostet und mal vollmundig quietscht, mal theatralisch näselt, adelt Schauspieler Uwe Schönbeck Kurt Schwertsiks bissiges Bärendrama «Goldlöckchen» mit seiner Sprachkunst zum heiteren Kehraus, bei dem längst nicht alles logisch ist, was sich reimt. Herrlich.
Marianne Mühlemann
BUND, 20. Dezember 2010
Mozart und Märchen
Stimmiges Festkonzert des Berner Kammerorchesters mit jungen Solistinnen und einem souveränen Chef.
Das Festkonzert des Berner Kammerorchesters im Casino kombinierte Bekanntes (Mozart) mit einer exquisiten Schoeck-Rarität und Auszügen aus Engelbert Humperdincks Märchenoper «Hänsel und Gretel». Im Mittelpunkt des Interesses stand der Berner Oberländer Dirigent Philipp Bach, der sich – von kleinen Wackelkontakten zu Beginn abgesehen – als souveräner Chef erwies. Er ist alles andere als ein Showman, ruhig und bestimmt lenkt er den Klangkörper durch den Abend. Die Balance ist ihm genau so wichtig wie das Herausarbeiten der Farben, wobei ihn das gut disponierte Orchester – dessen Violinen und Bratschen übrigens ausnahmslos von Frauen gespielt werden – willig unterstützte. Bach gelingt es schonim hellen D-Dur der Figaro-Ouvertüre, die ernsthafte Grundierung des nicht nur lustigen Stücks mit herauszuarbeiten. Wer gekommen war, um die Gilda der jüngst auf dem ZDF vom «Originalschauplatz» übertragenen «Rigoletto»-Produktion, Julia Novotna, in Augenschein zu nehmen, wurde enttäuscht. Und doch nicht, denn die kurzfristig aus Wien eingeflogene Beate Ritter war ein mehr als valabler Ersatz. Zwar kann sie die Herkunft vom Soubrettenfach nicht verleugnen, doch gelang ihr fast alles wunschgemäss – selbst die Koloraturen und die exponierten Spitzentöne der beiden Königin-Arien aus der «Zauberflöte».
Eine echte Entdeckung gab es nach der Pause mit der Serenade aus Othmar Schoecks «Don Ranudio». Wer schon immer genauer wissen wollte, wie sich Oboe und Englischhorn klanglich unterscheiden, ist bei diesem wunderschönen, dezent aber eindeutig spanisch geprägten Stück genau richtig. Philipp Bach gestaltet diese klangliche Preziose ausgesprochen geschmeidig. Übertroffen wird das nur noch zum Schluss des regulären Teils, bei der Traumszene aus «Hänsel und Gretel», die Dirigent und Orchester als genau das wiedergaben, was es ist, nämlich eine eigentliche sinfonische Dichtung. Bei Humperdinck verriet dann die junge Österreicherin Beate Ritter auch noch schauspielerisches Talent. Im Duett mit Hänsel tanzte sie, als stehe sie auf einer richtigen Bühne. Nicht vergessen sei der kurze, aber klangschöne Beitrag von Therese Fauser als Sandmann. Den Hänsel wie die Hosenrollen Cherubino und Sesto sang die ebenfalls noch sehr jungen Ukrainerin Christina Daletska. Sie gefiel vor allem stilistisch, wobei ihre eher helle Stimme noch Entwicklungspotenzial verrät. Bei Mozart lag ihr der Cherubino besser als der reifere Sesto aus «La Clemenza di Tito». Der Saal war so zufrieden, dass die Zugabe nur eine Frage der Zeit sein konnte. Es gab wiederum Mozart, nämlich das erlesene Liebesduettder Servilia und des Annio, ebenfalls aus dem «Titus».
Peter König
BUND, 28. Oktober 2010
Virtuose Marimba
Im ersten Konzert der Saison bietet das Berner Kammerorchester einem nicht alltäglichen Instrument eine Plattform.
Da steht sie zuvorderst auf der Bühne, in ihrer ganzen imposanten Breite: die für gewöhnlich in die hinteren Reihen des Orchesters verbannte Marimba. In seiner jetzigen Form gibt es das Schlaginstrument erst seit rund 20 Jahren. Entsprechend klein ist das bestehende Konzertrepertoire – da hilft nur, Althergebrachtes neu zu arrangieren oder aber sich neue Kompositionen auf den Leib schneidern zu lassen. Beides tut die Solistin des Abends, die international gefeierte Marimbistin Katarzyna Mycka, mit Überzeugung.
Nach der Ouvertüre zur Oper «Roméo et Juliette» des heute kaum mehr bekannten Daniel Steibelt (1765–1823), zeigt sich das BKO unter Matthias Kuhn auch im Doppelkonzert d-moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach von seiner besten Seite. Das Werk, ursprünglich für zwei solierende Geigen, erklingt in einem Arrangement für Violine und Marimba.
Bach ohne Klebstoff
Beide Solistinnen, auf der einen Seite Katarzyna Mycka, auf der anderen die frisch gewählte Konzertmeisterin Sibylla Leuenberger, musizieren mit virtuoser Leichtigkeit und wohldosierter Eleganz. Besonders im langsamen Mittelsatz entstehen zahlreiche Momente von berückender Schönheit. (...) Beim «Concerto for marimba, trumpet and strings» (2007) der polnischen Komponistin Anna Ignatowicz-Glínska hingegen kann Katarzyna Mycka aus dem Vollen schöpfen. Es sind tonale Klänge, die das an diesem Abend uraufgeführte Werk prägen, die mal an Filmmusik, mal – der melodischen Sequenzierungen wegen – schon beinahe an die Wiener Klassik erinnern.
Den Abend rundet Jean Sibelius’ Suite zu Pelleas und Melisande op. 46 ab. Mit wunderbar fahlem Klang beschwören die Streicher im letzten Satz Melisandes Tod herauf. So zu sterben muss zweifellos fantastisch sein – die sich gerade deswegen aufdrängende Frage, ob Sibelius’ Musik der Abgründigkeit von Maeterlincks Stoff gerecht wird, soll hier das Verdienst von Dirigent und Musikern nicht schmälern.
Gisela Trost
BUND, 9.3.2010
Berner Kammerorchester
Facettenreicher Liebeszauber
Dass Tote eifersüchtig sein können, weiss Manuel de Falla. In seinem Ballett «El Amor brujo» (1915) erzählt er von einem Jüngling, der im Grab keine Ruhe findet, weil seine einstige Verlobte mit einem neuen Lover eine Beziehung eingehen will. So tut er, was er als Geist noch tun kann: Er spukt ein bisschen herum in der Hoffnung, das keimende Liebesglück auseinander zu bringen.
Schon vor zehn Jahren haben der Dirigent Johannes Schlaefli und das Berner Kammerorchester die Funken sprühende Ballett-Suite mit einem Tänzer auf die Konzertbühne gebracht. Im Theater National nun werden zu Orchester und Sängerin ein Tanzpaar (Norbert Steinwarz und Maria Lucia Agon) und ein Flamencogitarrist (Michal Abramski) zugezogen. Ein gelungener Eingriff.
Im Spiel um Anziehung und Abstossung visualisiert der Tanz die Dramatik des musikalischen Geschehens, der Gitarrist wiederum verleiht der Szene Intimität und verstärkt das spanische Kolorit. Spannend zu verfolgen, wie die Klänge um ein tonales Zentrum kreisen und die Tänzer um eine fiktive Mitte, die zwischen ihren geschmeidigen Körpern liegt. Feine Zapateados, Flamencogirlanden, aber auch freie Bewegungen, Hebungen und impulsive Drehungen werden auf die enge Plattform gebracht, derweil der Geist an immer neuen Orten im Orchester aufscheint.
Mit feinem Vibrato zeichnet die Mezzosopranistin Carmela Calvano Forte den expressiven Part der verzweifelten Liebenden. Michal Abramski gibt in brillant gezupften Interludien dem Liebesfeuer Nahrung. In der nächtlichen «Danza ritual del fuego», dem Feuertanz, hört man in den Streichern das Knistern des Holzes, wenn es von den Flammen verschlungen wird. Lust und Schmerz, Leben und Tod, hier werden sie eins.
Joseph Haydns dramatische Szene «Berenice che fai», in der Carmela Calvano Forte ihren flexiblen Mezzosopran in neuen Farben leuchten lässt, und Luigi Boccherinis Opus 12 runden den Liebeszauber ab. Liebeszauber? Das fulminante Tableau, das vom Orchester dynamisch und mit scharfen Akzenten gestaltet wird, führt direkt in die «Casa del diavolo» (Teufelsküche). Ob deshalb das Theater National nur zur Hälfte besetzt ist?
Marianne Mühlemann

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